Run, Forrest, run!
In Los Angeles ist es für den weißen Mittelstand „normal,“ dass jede Familie mindestens zwei Kinder, einen Hund, zwei Autos und ein Haus hat. Das ist Standard. Ein durchschnittliches Haus kostete vor 4 bis 5 Jahren je nach Lage zwischen $ 600.000.- und 1,5 Millionen. Dasselbe Haus ist heute, Ende 2008 nur noch etwa 70 bis 80% dessen wert wofür man es noch vor einigen Jahren gekauft hat. Mit anderen Worten: es ist unverkäuflich, nicht nur weil man bei einer Veräußerung einen großen Verlust machen würde, sondern auch weil derzeit niemand kauft. Der meist nicht mehr als zwei-, dreihundert Quadratmeter große Garten wird natürlich von einem Gärtner gepflegt, der ein- bis zweimal pro Woche kommt, den Rasen trimmt und düngt, Stauden beschneidet und die gefallenen Blätter mit einem Laubbläser wegbläst, damit der Kollege im Nachbargarten auch etwas zu tun hat. Die Kinder werden von einer Nanny betreut, die mit ihnen in den Park, an den Strand oder ins Museum geht und ihnen Spanisch beibringt. Die Hunde werden von professionellen Hundesittern ausgeführt und das Haus von einer Putzfrau sauber gehalten. Während putzen, Kinder hüten und gärtnern in das Aufgabengebiet der Mexikaner fällt, handelt es sich bei den Hundebetreuern überwiegend um Weiße. Diesen komplexen Lebensstandard aufrecht zu erhalten ist so dermaßen zeitaufwändig, stressig und anstrengend, dass für den Hund oder den Garten einfach keine Zeit bleibt. Die Frage: „Warum Hund und Garten, wenn ihr dafür keine Zeit habt?“ wird meist mit „Für die Kinder“ beantwortet. Die haben aber auch nicht viel davon, weil sie tagsüber ohnehin in der Vorschule, der Schule, beim Klavierunterricht, beim Kinderyoga, oder beim Sport sind, und den Rest des Tages mit der Nanny im Park verbringen. Das Lebenskonzept des weißen Mittelstandes in LA ist bunt, schillernd und trendy. Es macht Spaß und kommt sehr nahe an die kommerziellen Qualitätsmaßstäbe der Hochglanzmagazine heran. Da die meisten Familien die dafür nötigen fünfzehn bis fünfundzwanzig Tausend Dollar pro Monat jedoch schon in den letzten, den fetten Jahren nicht aufbringen konnten und immer mehr Schulden angehäuft haben, ist zu befürchten, dass jetzt, wo gerade sehr viele Kalifornier ihren Job verlieren, das fragile Kartenhaus zusammenbricht. Dagegen geht die amerikanische Regierung sehr entschlossen vor, indem sie dem Markt mehr Geld zur Verfügung stellt. Man stellt sich also nicht die Frage, wo man sparen könnte, wo man Abstriche machen, oder das System verbessern könnte, sondern nur: „Wie kann ich ein völlig krankes System am Laufen halten?“ Ich liebe LA, wirklich, ich bin oft und sehr, sehr gerne hier, aber ich wundere mich gerade in den letzten Jahren immer öfter darüber, wie besessen die Menschen hier an einem Lebensstil festhalten, der keine Zukunft hat. Während Barack Obama im Wahlkampf immer von CHANGE, von Veränderung sprach, so haben sich seine Anhänger mehr auf seinen Slogan YES, WE CAN eingeschossen. Vielleicht stehen auch deswegen in vielen Vorgärten der verschuldeten Mittelständer selbst eine Woche nach der Wahl noch immer die Obama-Schilder mit der Aufschrift: HOPE! Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht können wir das Ganze ja doch noch ein wenig länger auskosten. Babylon und das Römische Reich scheinen hier Pate gestanden zu haben. Auf jeden Fall hat es Charme mit welcher Hingabe, mit welch großer Überzeugung und mit welch guter Laune die Amerikaner in den Untergang laufen. Davon könnten wir uns in Europa eine Scheibe abschneiden. Wir rennen nämlich hinterher und haben nicht ganz so viel Spaß dabei.
Die Tagesschau berichtet online:
US-Regierung ändert Rettungspaket
Mehr Kredite für mehr Konsum
Ursprünglich war das US-Rettungspaket zum Aufkauf fauler Hypothekendarlehen gedacht. Doch US-Finanzminister Paulson setzt das Geld anders ein. Nach dem Kauf von Banken plant er nun massive Hilfen für Kreditkartengesellschaften, um den Konsum nicht zu gefährden. Von Rüdiger Paulert, ARD-Studio Washington Die amerikanische Regierung will den Konsum in den Vereinigten Staaten ankurbeln. Und zwar mit Geld aus dem 700 Milliarden Dollar Rettungspaket für die Finanzwirtschaft. Dies kündigte US Finanzminister Henry Paulson an. Wegen mangelnder Liquidität seien die Kosten für Auto-, Studenten- und Kreditkartendarlehen gestiegen, sagte er. "Wir prüfen die Einrichtung eines Finanztopfes für sehr sichere Darlehen. Auf diese Weise können wir die Kosten der Kredite reduzieren und den Verbrauchern mehr Darlehen zur Verfügung stellen."
Millionen US-Bürgern droht der Privatkonkurs
Die Generation "Fast Pleite"
In ihrer Geldnot greifen viele US-Bürger an der Kasse zur Kreditkarte - und häufen damit immer mehr Schulden an. Eine ganze Generation ist betroffen: Die Generation "Fast Pleite". Ein Programm soll sie jetzt vor dem Privatkonkurs retten. Thomas Schmidt, WDR-Hörfunkstudio New York Seit der Finanzkrise hat die Zahl der Zwangsversteigerungen von Häusern zugenommen. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Seit der Finanzkrise hat die Zahl der Zwangsversteigerungen von Häusern zugenommen. ] Janine Cain ist stolz auf ihr Eigenheim in Rochester im US-Bundesstaat New York. Das propere Einfamilienhaus in der Stadt am Ontario-See ist ihr lieb – aber mittlerweile auch viel zu teuer. Ihre Bank verlangt jetzt 1225 Dollar und 59 Cents an Hypothekenfinanzierung im Monat, umgerechnet 965 Euro –– mehr als sie je erwartet hat und als sie sich leisten kann. Kürzlich hat ihr Mann seine Vollzeitstelle verloren, nun haben beide vier verschiedene Teilzeitjobs angenommen, aber das Geld reicht trotzdem nicht: Dem Ehepaar Cain sitzen auch noch fünfstellige Kreditkarten-Rechnungen im Nacken. Dank Kreditkarte in der Schuldenfalle Dabei hätten sie sich nicht mal extravagante Dinge wie Schmuck oder Fernseher angeschafft, sagt Janine. Eigentlich nur, was man zum täglichen Leben brauche. Trotzdem: Gemeinsam steht das Ehepaar Caine mit 23.000 Dollar – gut 18.000 Euro - bei ihren Kreditkartenfirmen in der Kreide. Sie sind kein Einzelfall: Wirtschaftswissenschaftler in den USA sprechen von einer ständig anwachsenden Generation "Fast pleite": Steigende Ausgaben, sinkende Einnahmen durch Jobverlust – um die Lücke zu schließen, greifen viele zu American Express oder Visa und geraten immer tiefer in die Schuldenfalle. Viele US-Amerikaner verschulden sich durch Kreditkartenzahlungen. (Foto: dpa) [Bildunterschrift: Viele US-Amerikaner verschulden sich durch Kreditkartenzahlungen. ] Anders als in Deutschland muss man in den USA Kreditkartenrechnungen nicht unmittelbar begleichen. Amerikanische Durchschnittshaushalte hätten eine beispiellose Verschuldungsrate erreicht, sagt Robert Manning. Er ist Finanzexperte und arbeitet als Schuldenberater. Er hat ein Programm entwickelt, mit dem der "Fast Pleite"-Generation geholfen werden soll. Der Ansatz: Schuldner nicht durch überzogene Forderungen in den Bankrott treiben, sondern Tilgungspläne aufstellen, die erfüllbar sind. Anhand von Einkommen und laufenden Kosten wird ermittelt, welche Raten sich die Schuldner leisten können. Das Ziel: Den Privatkonkurs vermeiden, und dem Kreditgeber wenigstens einen Teil des Darlehens zurückzahlen. Suche nach dem Machbaren In 25 Staaten der USA wird dieses Programm durch Beratungsagenturen mittlerweile angeboten – und erste Erfolge sind da: "Ich habe gedacht, wir verlieren unser Haus", sagt Phyllis Hoffman. Auch sie gehört zur Generation "Fast Pleite". Dreimal sei ihr die Zwangsversteigerung angedroht worden, weil sie ihre Raten nicht bezahlen konnte. Woher auch, bei 50.000 Dollar Kreditkartenschulden und einer 350.000 Dollar-Hypothek. Mit dem Manning-Programm gibt es nun aber wieder Hoffnung: Die Kreditkartenfirma will die Restschuld in dem Moment erlassen, in dem Phyllis 37 Prozent ihrer Verbindlichkeiten – 18.500 Dollar – abgezahlt hat. Die Hypotheken-Rate konnte von 3.000 auf 1.700 Dollar fast halbiert werden. Gucken, was machbar ist, und Kompromisse mit den Banken finden, so lautet das Manning-Motto. Es wird noch harte Prüfungen bestehen müssen: Allein die Gesamtsumme der Kreditkartenschulden aller US-Bürger beträgt 937 Milliarden Dollar.
