News Bilder Vita Video Audio Autor Blog Kontakt
  Ganz weit draueßn, Sample 2


Johnny Rockets

Schlanke schokoladenbraune Füße in hochhackigen rosa-transparenten Sommerschuhen schweben draußen vor dem Fenster über den Asphalt. Mein etwas zu langsamer Blick erhascht nur noch für einen kurzen Augenblick die leicht schwingenden vollen Hüften, die in weich fallendes braunes Tuch gehüllt elegant nach rechts hinter der Hausecke verschwinden.
Ich sitze am Fenster des Johnny Rockets, aufgestützt auf einem schmalen hellbraunen Holzpult und sehe hinaus auf die belebte Fillmore Street. Es riecht nach Hamburgern und Milkshakes, nach frisch aufgeschnittenen Zwiebeln und Frittieröl. Es riecht nach vollem, prallem Leben.
Aus der alten silber-braunen Musicbox erklingen flotte 50er-Jahre Hits, auf der gegenüber liegenden Straßenseite kauft ein Mittvierziger, der einem Village People-Video entsprungen sein könnte, im Market eine Schachtel Winston, tritt wieder auf die Straße und sieht sich unschlüssig um. Er trägt eine zum Bersten gespannte schwarze Lederhose, ein schwarz-weiß quer gestreiftes T-Shirt, schwarze Lederkappe und einen langen, baumelnden Schnauzer. Lässig klopft er eine Zigarette aus dem Soft-Pack und zündet sie mit den dazu passenden Streichhölzern an. Er zieht genüsslich, lässt seinen Blick schweifen, scheint aber niemand zu finden, der ihn interessiert. Dann stolziert er nach links die Straße hinunter.
Vor mir taucht ein orangefarbenes Ungeheuer auf, wie ein Riesenrochen vor einem Taucher in einem maritimen Dokumentarfilm, und starrt durchdringend, nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, durch die Scheibe, die uns trennt, in das Restaurant hinter mir. Der Rochen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen doch eher als eine Mischung aus Garfield und Michelin-Männchen und taucht ebenso Abyss-artig ab, wie sie aufgetaucht war. Was den Blick frei gibt auf eine rattenscharfe am Oberarm tätowierte Koreanerin in einem engen, gelben ärmellosen T-Shirt. Sie läuft mit ihrem schüchtern wirkenden Freund an mir vorüber und hustet sich dabei die letzten Zigaretten von den Lungen.
Fred kommt vorbei, räumt meinen leeren Teller ab, legt mir die Rechnung hin und versichert mir, ich könnte mir Zeit lassen. Und ich werde mir Zeit lassen und die Stellung halten, denn ich sitze an meinem Lieblingsplatz, von dem aus ich die ganze Straße einsehen, all die wunderbaren Menschen beobachten kann, die hier an einem ganz normalen Nachmittag vorbei strömen, einkaufen, essen gehen, auf den Bus warten, Kaffee trinken, Zigaretten rauchen, Mülltonnen durchstöbern, einen Parkplatz suchen, um Kleingeld betteln oder einfach nur von A nach B eilen........
Thomas Morris
by novamatrix